Tanja springt auf und geht mit ihm hin und her. Aber sonst kann sie nirgendwo mehr alleine hingehen, Höchstens noch unter die Dusche. Das findet sie schlimm. Schülerinnen lernen mit einem künstlichen Baby die anstrengende Rolle einer Mutter kennen – damit sie nicht zu früh schwanger werden

Sie könnte eine Mutter sein. Vorsichtig nimmt Tanja (16) den kleinen Marvin hoch und blickt ihn zärtlich an. Dann aber warnt sie mit ernstem Blick: »Da musst du voll aufpassen. Wenn ich ihn hinlege, schreit er wieder.« Tatsächlich, das dunkelhäutige Baby quengelt. Also gut, Tanja nimmt ihn auf, spaziert mit ihm durchs Zimmer. Der Kleine beruhigt sich wieder.
Marvin könnte ein Säugling sein. Er kann weinen und jauchzen, schmatzen und Bäuerchen machen. Doch das Gesicht des Kindes wirkt wie gefroren. Die Augen blicken ausdruckslos. Denn Marvin ist eine ganz besondere Puppe: ein Säuglingssimulator mit eingebautem Computerprogramm. Ein Chip speichert, ob Tanja ihn regelmäßig füttert, wickelt und tröstet. Dafür steckt sie einen kleinen Schlüssel in seinen Rücken. Die Sensoren registrieren, ob sie sein Köpfchen stützt und ihn behutsam hinlegt. Oder ihn aus Wut womöglich schüttelt. »Ich darf die Puppe nicht an jemand Drittes abgeben«, erklärt Tanja die Regeln.
Vier Puppen gehören der Dr.-Kürten-Schule in Hürth bei Köln. Lehrerin Joanna Steiner betreut das Projekt »Babybedenkzeit« – ein Elternpraktikum für ihre Schülerinnen, die in den Bereichen Sprache, Lernen und Sozialverhalten besonders gefördert werden müssen. Die Mädchen beschäftigen sich in der Babybedenkzeit mit Verhütung und Schwangerschaft, sprechen über ihre Wünsche und Ängste. »Ich kann mir das nicht vorstellen, so früh ein Baby zu bekommen«, meint die 15-jährige Saskia. Doch sie kennt eine Gleichaltrige, die schwanger geworden ist.
Die Praktikumsmütter bekommen ihr Baby in einem vorab errechneten Zeitraum – den genauen Tag kennen sie nicht. Wie bei einer echten Schwangerschaft. Drei bis sieben Tage tragen die Schülerinnen den Simulator bei sich; nur während des Unterrichts dürfen sie ihn ausschalten. So lernen die Mädchen das bisweilen aufreibende Leben einer Mutter kennen.
Anlass für die Babybedenkzeit in Hürth gab vor fünf Jahren eine 16-jährige Schülerin. Mit glänzenden Augen erzählte sie von ihrer Schwangerschaft. »Plötzlich war sie ein Star«, erinnert sich Lehrerin Joanna Steiner. »Wir haben befürchtet, dass bald die Nächsten schwanger werden.« Auch in den Jahren zuvor gab es immer wieder Schulnachwuchs. Steiner weiß: »Das sind oft gewünschte Unfälle. Die Mädchen ziehen sich so aus der Verantwortung für ihre berufliche Zukunft.« Schulleiterin Christine Hucke ergänzt, dass diese Rolle oft der einzige Weg sei, um Aufmerksamkeit und Zuwendung zu erhalten. Viele Mädchen stammen aus zerrütteten Familien. Hucke: »Sie wollen sich mit dem Baby heilen.« Eine Illusion, weiß Joanna Steiner. Spätestens nach einem Jahr, wenn der erste Glanz verblasse, zeige sich die Überforderung.
Der kleine Marvin schreit wieder. Tanja springt auf und geht mit ihm hin und her. »Bewegen ist wichtig«, erklärt sie kurz. Die 16-Jährige hat sich die Mutterschaft lässiger vorgestellt. »Ich kann nirgendwo mehr alleine hingehen, das ist schon schlimm.« Höchstens unter die Dusche. Dort, auch dort beschleunigte sich ihr Leben. In drei Minuten schafft sie, wofür sie sich vor dem Praktikum satte zehn Minuten gönnte.
Auch Saskia wurde von ihrem Baby, das sie Celine taufte, unangenehm überrascht: »Einmal hat sie ohne Ende nachts geschrien.« Saskias Freund reagierte genervt. Auch manche »Großeltern im Praktikum« sind überfordert: Der Vater einer Mitschülerin wollte ein ständig quengelndes Kind aufschrauben, um die Batterien zu entfernen. Ohne Erfolg. Ein anderes Mädchen hatte einfach keine Lust mehr auf den anstrengenden Nachwuchs. Sie packte den schreienden Simulator in Alufolie und steckte ihn in die Garage. Damit ihn keiner mehr hören konnte. Tanja sagt erbost: »Der hätte ich am liebsten eine geklatscht.«
Die Idee der Babybedenkzeit stammt aus den USA. Seit 1993 nahmen weltweit mehr als eine Million Jugendliche an dem Projekt teil. Die Sozialpädagoginnen Edith Stemmler-Schaich und Uta Schultz-Brunn holten es nach Deutschland und veranstalten Seminare für Fachleute aus der Sozialarbeit, Pädagogik und Medizin – die dann mit Jugendlichen das Elternpraktikum veranstalten. Das »RealCare-Baby« gibt es in sechs verschiedenen Hautfarben. Es gibt 15 Programme: vom schläfrigen Kind bis zum Schreibaby.
Mit einer Schwangerschaft wollen Tanja und Saskia auf jeden Fall noch warten. »Das ist mir jetzt klarer geworden«, sagt Tanja. Sie möchte die Schule in Hürth beenden und dann weiter auf die Realschule gehen. Weil sie unbedingt Säuglingsschwester werden will. »Ich liebe Kinder über alles.« Saskia möchte erst mal eine Ausbildung zur Friseuse machen. Mit 25 Jahren dann Kinder bekommen, das findet sie gut.
Die beiden Mädchen kommen mit ihren Babys ziemlich gut klar. Saskia glaubt sogar, dass sie traurig sein wird, wenn sie ihre Celine abgibt: »Mir wird etwas fehlen.« Manche Mädchen machen gerne ein zweites Elternpraktikum – Lehrerin Joanna Steiner erschwert ihnen dann schon mal das Leben als Mutter. »Wenn sie meinen, dass sie es können.« Beim nächsten Mal könnte also ein Schreibaby drohen. Doch Joanna weiß, dass das Praktikum nicht jede frühe Schwangerschaft verhindert. Denn die Wünsche der Mädchen sind stark und oftmals unbewusst. »Diese Triebkräfte sind schwer zu beeinflussen.« Steiner formuliert ihr Ziel deshalb bescheiden. »Die Mädchen lernen, was es bedeutet, ein Kind zu versorgen. Und erweitern ihre Kompetenzen.« Und Tanja meint dazu: »Dieses Projekt sollte es überall geben. Viele stellen sich das mit einem Kind so einfach vor.«
Annette Zellner